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Von drohen, decken und abtauschen

„Genie ist zu einem Prozent Inspiration und zu neunundneunzig Prozent Transpiration.”

Thomas Alva Edison

Nach dem vorherigen Kapitel wissen wir, was die Figuren untereinander wert sind, also den relativen Wert. Was ist aber mit dem absoluten Wert? Wozu benötigt man überhaupt die Figuren? Ja, was soll man eigentlich mit dem ganzen Haufen anfangen?

Man benötigt die Figuren um den gegenerischen König mattzusetzen und gleichzeitig den eigenen König zu verteidigen. Wenn man nur eine Figur weniger als der Gegner hat, ist das materielle Gleichgewicht der Grundstellung empfindlich gestört, denn ein Unterzahlverhältnis in Angriff oder Verteidigung, geht auf lange Sicht in der Regel nicht gut.

Was soll man also tun, wenn der Gegner eine eigene Figur angegriffen hat und nun droht diese im nächsten Zug zu schlagen? Dieser Fall kann schon nach dem ersten Zug einer Schachpartie auftreten.

Diagramm 33: Drohender Bauernverlust

So attakiert zum Beispiel Schwarz in Diagramm 33 den weißen Königsbauer mit seinem Springer.

Grundsätzlich hat man erst einmal die gleichen Möglichkeiten, wie bei einem Schachgebot. Man kann also die angegriffene Figur wegziehen, den Angreifer schlagen oder eine Figur dazwischenziehen.

Im Beispiel könnte man den angegriffenen Bauern wegziehen, genauer gesagt vorziehen, um den drohenden Verlust abzuwenden. Die beiden anderen Methoden den Springer schlagen oder dazwischenziehen funktionieren hier im konkreten Beispiel nicht.

Allerdings, gibt es im Fall einer angegriffenen Figur im Gegensatz zum angegriffenen König weitere Möglichkeiten die Situation zu meistern.

Eine solche weitere Möglichkeit ist die Deckung. Mit decken ist gemeint eine eigene Figur so heranzuführen, daß sie in der Lage ist auf das Feld der angegriffen Figur zu ziehen.

In der betrachteten Stellung ist dies zum Beispiel durch Springerc3 möglich, so daß wir zu Diagramm 34 gelangen.

Diagramm 34: Der Springer deckt den Bauern

Falls nun Schwarz den Bauern mit seinem Springer schlägt, ist Weiß seinerseits in der Lage mit seinem c3-Springer den schwarzen Springer, der jetzt auf e4 steht, zu schlagen, so daß insgesamt Weiß einen Bauern und Schwarz eine Leichtfigur verloren hat. Nach dem Wertemaßstab der Figuren im Kapitel „Der Wert der Figuren“ hat Schwarz also ein schlechtes Geschäft gemacht. Der Unterschied zwischen einem Bauern und einem Springer beträgt etwas mehr als zwei Bauern. Das heißt Schwarz wird sich nicht darauf einlassen, den Bauern zu schlagen, so daß der Bauer mit Hilfe der Deckung in Gestalt des c3-Springers erfolgreich verteidigt ist.

  Aufgabe 8  
 

Durch welche weiteren Züge wäre eine Deckung des e-Bauern in Diagramm 33 möglich gewesen?

L�sung

Durch die Züge d3, f3, Läuferd3, Damee2 und Damef3.

Der Zug Dameg4 gehört nicht zur Lösung, weil der schwarze Springer dann nicht mehr den Bauern, sondern gleich die Dame schlagen würde und der materielle Verlust wäre um ein vielfaches höher als bei einem Bauernverlust.

 

In der Beispielpartie greift Weiß im zweiten Zug mit einem Springer den schwarzen e-Bauern an. Schwarz pariert die Drohung, indem der Bauer mit einem Springer auf c6 gedeckt wird.

Dies waren Beispiele, in denen sich angegriffene Figuren wunderbar decken ließen, aber wann läßt sich eine Figur nicht decken? Zum einen natürlich, wenn sich keine Figur geeignet als Deckung in Stellung bringen läßt und zum anderen wenn die angegriffene Figur wertvoller als der Angreifer ist. Der schwarze Springer in Diagramm 35 ist durch den weißen e-Bauern angegriffen. Die Tatsache, daß Schwarz nachdem Weiß den Springer mit dem Bauern geschlagen hat, mit der Dame den Bauern schlagen kann, nützt Schwarz wenig, weil ein Bauer gegen einen Springer einen materiellen Verlust bedeutet.

Diagramm 35: Der Springer läßt sich nicht decken

Die Konsequenzen sind, daß ein Springer nur dann gedeckt werden kann, wenn er von einem Läufer, Springer, Turm, Dame oder König angegriffen wird. Eine Dame kann nur gedeckt werden, wenn sie ebenfalls von einer Dame angegriffen wird. Dagegen kann der Bauer als am wenigsten wertvolle Figur immer gedeckt werden, wenn sich nur ein Verteidiger findet.

Das Manöver, eine angegriffene Figur mit Hilfe einer deckenden Figur zu verteidigen, kommt in der Praxis sehr häufig vor, so daß ihm die Ehre zu teil kommt das erste Schachmuster in diesem Schachlehrbuch darzustellen.

Unter Schachmuster versteht man Manöver, Themen, Techniken, Tricks, taktische und strategische Konstellationen, die so häufig vorkommen, daß es lohnt diese in den schachlichen Denkprozess aufzunehmen.

M 1

Gedeckte Figuren

Eine Figur ist gedeckt, wenn eine andere der eigenen Figuren in der Lage ist das Feld dieser Figur zu betreten, wenn es nicht schon besetzt wäre. Eine angegriffene Figur kann man dadurch vor Verlust bewahren, indem man sie deckt. Ausnahme: Die angegriffene Figur ist wertvoller als der Angreifer.

Es folgt nun eine Partie, in der man beobachten kann wie Figuren angegriffen, gedeckt und geschlagen werden.

P 1

1. e4 e5
Ein sehr häufige Art eine Partie zu eröffnen.
2. Springerf3 ...
Greift den schwarzen ungedeckten e-Bauern an.
2. ... Springerc6
Deckt den angegriffenen Bauern.
3. d4 e×d4
4. Springer×d4 Springer×d4
5. Dame×d4 ...
Materiell steht es gleich. Beide Seiten haben jeweils einen Bauern und einen Springer gewonnen bzw. verloren.
5. ... c5
Greift die Dame an.
6. Damec4 ...
Da die Dame bei einem Bauerangriff nicht gedeckt, der Bauern nicht geschlagen und keine Figur dazwischen gezogen werden kann, zieht sie sich zurück.
6. ... Damea5+
Die Dame gibt ein Schach.
7. Läuferd2  
Das Schach wird durch dazwischenziehen des Läufers pariert und gleichzeitig greift er die Dame an.

Diagramm 36: Stellung nach dem 7. Zug von Weiß

7. ... Dameb6
Die angegriffene Dame zieht sich nach b6 zurück und greift von dort aus den ungedeckten Bauern b2 an.
8. b3 ...
Durch vorziehen des b-Bauern ist er von seinen Nachbarbauern und der Dame gedeckt.
8. ... d6
9. Springerc3 Läufere7
10. Springerd5 ...
Greift die Dame an.
10. ... Damec6
Die Dame bringt sich in Sicherheit.
11. Läuferd3 Springerf6
12. Springer×e7 ...
Der Springer schlägt den Läufer.
12. ... König×e7
Der König nimmt wiederum den Springer.
13. Läuferg5 Läufere6
Angriff auf die Dame.
14. Damec3 ...
Die Dame zieht weg.
14. ... b5
15. e5 ...
Angriff auf den Springer.
15. ... d×e5
Schwarz wehrt den Angriff auf den Springer ab, indem die angreifende Figur geschlagen wird.
16. Dame×e5 ...
Weiß schlägt ebenfalls einen Bauern und gleicht in der Materialbilanz aus.
16. ... Turma–d8
17. Turmd1 h6
Greift den Läufer an.
18. Läufer×f6+ ...
Der Läufer zieht weg und schlägt dabei einen gegnerischen Springer.
18. ... g×f6
Schwarz schlägt zurück und stellt das materielle Gleichgewicht wieder her.
19. Damee4 ...
Die Dame greift die ungedeckte gegnerische Dame an.
19. ... Dame×e4+
20. Läufer×e4 ...
Die Damen haben das Spiel verlassen.
20. ... Turm×d1+
21. König×d1 ...
Ebenso zwei Türme.
21. ... Turmd8+
Schach durch den Turm.
22. Könige2 ...
Parieren des Schachs durch wegziehen.
22. ... Turmd4
Angriff auf den ungedeckten Läufer.
23. Läuferc6 ...
Der Läufer zieht weg und bedroht den ungedeckten b-Bauern.
23. ... a6
Der b-Bauer wird mit Hilfe des a-Bauerns gedeckt.
24. a4 b×a4
25. Läufer×a4 ...
Jeweils ein Bauer auf jeder Seite ist geschlagen worden.
25. ... Turmg4
Angriff auf den ungedeckten g-Bauern.
26. g3 ...
Decken durch vorziehen analog zum b-Bauer im 8. Zug. Streng genommen handelt es sich um eine Kombination aus wegziehen und decken.
26. ... c4
27. b×c4 ...
Weiß schlägt den vorgerückten Bauern.
27. ... Läufer×c4+
Schwarz schlägt zurück und bietet dabei Schach.
28. Königf3 ...
Der König zieht weg und greift dabei den schwarzen ungedeckten Turm an.
28. ... Turmg8
Der Turm bringt sich durch wegziehen in Sicherheit.
29. Turme1+ ...
Ein Turmschach.
29. ... Königd6
Schwarz zieht mit dem König weg und gibt damit die Deckung des f6-Bauern auf.
30. Königf4 h5
31. Turma1 Turmg4+
Ein Turmschach.
32. Königf5 ...
Parieren des Turmschach durch wegziehen und gleichzeitiges angreifen des ungedeckten f6-Bauerns.
32. ... Könige7
Der König deckt die f-Bauern.
33. Turme1+  
Ein Turmschach von Weiß,

Diagramm 37: Stellung nach dem 33. Zug von Weiß

33. Läufere6+ ...
das durch dazwischenziehen pariert wird, aber auch gleichzeitig Schach für den Gegner bedeutet, ein sogenanntes Gegenschach.
33. ... Turm×e6+
Die einzige Möglichkeit gegen das Schach besteht in schlagen der schachgebenden Figur. Es handelt sich hier ebenfalls um ein Gegenschach (eigentlich ein „Gegengegenschach“). Hierbei erleidet Weiß einen materiellen Verlust, weil er den Turm gegen einen Läufer verliert, der weniger wert ist. Allerdings hatte Weiß keine Wahl, da es der einzige mögliche Zug in dieser Stellung war.
34. f×e6#  
Um die Sache mit den Gegenschachs auf die Spitze zu treiben, schlägt Schwarz den Turm und setzt mit einem „Gegengegengegenschach“ matt.

Diagramm 38: Weiß ist matt

Fassen wir die bisherigen Möglichkeiten gegen einen drohenden Figurenverlust in Abb. 2 zusammen. Dies sind also die drei gleichen Dinge wie beim drohenden Matt plus die Möglichkeit der Deckung. Die drei Punkte in der letzten Spalte deuten an, daß noch weitere folgen werden.

Abbildung 2

Abbildung 2: Schema drohender Figurenverlust (1)

Zum Ende des Kapitels wird nun, wie in der Kapitelüberschrift angedeutet, der Abtausch behandelt.

Falls eine gedeckte Figur geschlagen wird und die deckende Figur zurückschlägt und keine Seite dabei einen Materialverlust erleidet, redet man von einem Abtausch. Dies ist in der Stellung von Diagramm 39 möglich.

Diagramm 39: Bauernabtausch

Der schwarze e-Bauer ist durch den weißen e-Bauern angegriffen, allerdings von der schwarzen Dame und dem schwarzen e-Bauern gedeckt. Falls Weiß den schwarzen d-Bauern schlägt, kann Schwarz wahlweise mit einer dieser beiden Figuren zurücknehmen und da jeder einen Bauern des Gegners gewonnen hat, war dies ein Bauerntausch.

Abtausche kamen auch zuhauf in der eben gesehenen Partie 1 vor. Im 3. Zug ein Bauerntausch, im 4. Zug ein Springertausch, im 12. Zug ein Leichtfigurentausch, im 15. Zug ein Bauerntausch, im 18. Zug ein Leichtfigurentausch, im 19. Zug ein Damentausch, im 20. Zug ein Turmtausch und im 24. und 27. Zug war ein Bauerntausch zu sehen.

Das Schachmuster „Gedeckte Figuren“ läßt sich auch zum mattsetzen einsetzen. In den Diagrammen Diagramm 40, Diagramm 41 und Diagramm 42 sind einige Beispiele aufgeführt.

Diagramm 40: Die mattsetzende Figur ist gedeckt

Diagramm 41: Auch der König kann die Deckungsarbeit verrichten

Diagramm 42: Der Turm setzt matt und der Springer deckt

  Aufgabe 9  
 

Diagramm 43: Weiß setzt matt

Weiß setzt mit Hilfe eines Teams von zwei Figuren matt, wobei die eine Figur die Deckungsaufgabe und die andere das mattsetzen übernimmt.

L�sung

Läuferf7#. Der Läufer setzt matt während der Springer ihn deckt.

 
Buchtipp
 EUR 20,40
Inhalt
 Schach lernen
1.Vorwort
2.Der Anfang
3.Erste Schritte
4.Ein einführendes Beispiel
5.Die Gangarten der Figuren
6.Vom Schlagen und von Hindernissen
7.Schach und Schachmatt
8.Die Schachnotation
9.Weitere Beispiele
10.Der Wert der Figuren
Von drohen, decken und abtauschen
12.Die Fesselung
13.Die Rochade
14.Die Bauernumwandlung
15.Remis
16.Patt
17.En passant
18.Berührt geführt
»Glossar
»Offizielle Schach-Regeln des Weltschachver-bandes (FIDE)
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